Interview der Journalistin Vera Sander mit dem Schriftsteller und Krimiautor Frank Morsbach

 

Sander

Warum schreiben Sie Kriminalromane?

 

Morsbach

Weil es einfach Spaß macht.

 

Sander

Aha.

 

Morsbach

Und es gibt natürlich noch einen Grund, den ich Ihnen gerne verrate,

wenn es unter uns bleibt.

 

Sander

Natürlich. Ich schweige wie ein Grab, ich bin ja schließlich

Journalistin und sage nie etwas weiter.

 

Morsbach

Weil man den Wunsch, die Welt zu verbessern, real nur schwer umsetzen kann. Man kompensiert sozusagen.

 

Sander

Sie wollen also die Welt verbessern?

 

Morsbach

Natürlich. Aber das sage ich ganz leise, denn sonst gerät der

potenzielle Leser in helle Panik, weil er befürchtet, statt eines

spannenden Krimis ideologischen Quark zu bekommen.

 

Sander

Und den bekommt er von Ihnen nicht?

 

Morsbach

Natürlich nicht. Er bekommt spannende Krimis.

 

Sander

Das stimmt. Aber zurück zur Frage: Worin zeigt sich dieser Wunsch,

die Welt zu verbessern?

 

Morsbach

In der Motivation des Helden. Da er die Welt im Ganzen nicht

verändern kann, will er sie im Kleinen verändern, indem er sie

gerechter macht. In vielen Krimis brauchen die Kommissare eine

Motivationshilfe, und zwar ganz schreckliche, traumatische Ereignisse, die in ihrer Vergangenheit liegen.

Bei meinen Helden ist das anders. Sie wollen "einfach nur" die Welt besser und gerechter gestalten. Das treibt sie an und das ist auch neben der Liebe das Einzige, was sie wirklich interessiert.

Am extremsten ist das übrigens in „Nina“.

Dass eine Frau einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer fällt, ist für den Helden nicht nur schrecklich. Er kann damit nicht leben.

 

Sander

Was in seinem Fall aber eindeutig krankhaft ist. Er wird schließlich

selbst zum Mörder.

 

Morsbach

Natürlich. Selbstjustiz ist "krank". Sich mit der ganzen Unmenschlichkeit dieser Welt problemlos abzufinden, möglicherweise auch.

 

Sander

Höre ich da so etwas wie Sympathie für den Täter?

 

Morsbach

Auf gar keinen Fall. In „Nina“ ist der alte Kommissar der beste Kumpel

des Autors. Mit der Figur des Täters verbinden den Autor nur das

Übliche, die Orte der Handlung, die meisten zumindest.

 

Sander

Das heißt?

 

Morsbach

Orte, die näher beschrieben werden, müssen Orte sein, die ich kenne

und die mir gefallen. In „Nina“ ist es zum Beispiel das Obere

Mittelrheintal, die wunderschöne Gegend zwischen Koblenz und Bingen, in der der Roman spielt.

 

Sander

Am wichtigsten ist aber Wuppertal?

 

Morsbach

Ja, meine Heimatstadt.

 

Sander

Sie scheinen ihr sehr verbunden zu sein. Zwei Romane, "Ode an die

Schönheit" und "Das Licht von Ios" spielen dort, aber auch in den

drei übrigen kommt die Hauptfigur aus Wuppertal, auch Bastian in

"Nina", der Mörder.

 

Morsbach

Ja. Wuppertal ist als Ort der Handlung auch wichtiger als München, wo

"Das Schwert Gottes" und "Die Marionette" spielen.

 

Sander

"Ios“ und „Ode“ sind also Lokalkrimis?

 

Morsbach

Definitiv nicht. Es geht mir nicht darum, den Wuppertaler an sich oder den Bergischen Menschen zu beschreiben. Ich verfasse vielmehr gerne Romane, die zur Abwechslung einmal und ganz selbstverständlich in Wuppertal spielen.

 

Sander

Sie fühlen sich Ihrer alten Heimat sehr verbunden?

 

Morsbach

Ja, sehr. Ich bin ein ganz großer Lokalpatriot.

 

Sander

Aber Sie leben in Oberbayern.

 

Morsbach

Ja, weil es hier im Alpenvorland am Staffelsee einfach wunderschön

ist, was meine Frau übrigens genauso sieht. Aber ich habe natürlich

ein ganz schlechtes Gewissen, denn ein richtiger Wuppertaler wird im

Tal geboren und lebt und stirbt dort auch. Aber zumindest bin ich

immer wieder mal dort, insgesamt drei, vier Wochen pro Jahr.

 

Sander

Zurück zur Literatur: Was macht für Sie einen guten Krimi aus?

 

Morsbach

Eine richtig gute, spannende Geschichte mit einer absolut stimmigen Auflösung.

 

Sander

Und das heißt?

 

Morsbach

Ganz einfach: Wenn ich eine gute Geschichte habe, kann ich auf den ganzen Schwachsinn verzichten, mit dem mehr noch in Film und Fernsehen als in der Literatur versucht wird, das Fehlen einer guten Geschichte zu kompensieren.

 

Sander

Welchen „Schwachsinn“ meinen Sie da konkret?

 

Morsbach

Zum Beispiel übertriebene Action. Eine gute Geschichte hält Leser und Zuschauer auch dann  wach, wenn nicht bei wilden Verfolgungsjagden Autos in die Luft katapultiert werden und dort mit der Schwebebahn kollidieren.

 

Sander

Besser nicht.

 

Morsbach

Oder Spannung nach dem Tollpatsch-Prinzip: Spannung muss in der Geschichten liegen und darf nicht dadurch erzeugt werden, dass sich eine ebenso hübsche wie bedauernswerte Ermittlerin so lange unvorstellbar dumm anstellt, bis es ihr endlich gelingt, in die Fänge eines Triebtäters zu geraten, damit der Zuschauer inbrünstig um sie bangen kann, während sie, pittoresk an die Heizung gefesselt, mit dem Psychopathen lange, tiefschürfende Gespräche über Ethik und Moral führt.

 

Oder Blödelei: Humorvoll und pointiert ist immer gut, natürlich auch im Krimi, da aber bitte im Rahmen der Handlung. Es nervt ohne Ende, wenn ohne Unterlass „witzige“ Kommissare ebenso sinnentleert wie penetrant über die dürftige Handlung hinwegblödeln.

 

In diesem Zusammenhang: Ein guter Krimi sollte unkonventionell im Sinne von einzigartig sein. In diesem Sinne bezeichne ich meine Geschichten in aller Bescheidenheit als unkonventionell. Es gibt nur einen Frank Morsbach, und wer Frank-Morsbach-Geschichten will, muss ihn auch lesen.

Unkonventionell bedeutet hingegen nicht den krampfhaften und verzweifelten Versuch, Schwächen der Handlung durch bemüht „originelle“ Einfälle auszugleichen, auch wenn es natürlich immer schön zu sehen ist, wie zum Beispiel ein Kommissar beim anderen einzieht.

 

Überhaupt wird viel zu viel gemenschelt. Meine Krimis sind – allesamt – auch Liebesgeschichten und meine Helden haben ein Alltagsleben. Aber bitte keine endlosen Verwicklungen, weil dem Kommissar ein Hund, die Schwiegermutter oder ein pubertierender Neffe zuläuft. Und auf gar keinen Fall den ewig schuldbewussten Kommissar und die ewig nörgelnde Partnerin, weil die Erfordernisse seines Berufes gelegentlich das Freizeitprogramm durcheinander bringen.

 

Und schließlich bitte auch keinen Betrug am Leser oder Zuschauer, also keine Geschichte, die Leser oder Zuschauer leidlich spannend bei der Stange hält, ihn dann aber mit einer absolut unglaubwürdigen und grotesken Auflösung enttäuscht. Nicht wieder den leichten Schubs bei heftiger Diskussion, durch den das Opfer wie ein mimosenhafter Fußballprofi zu Boden geht und mit tödlichen Folgen auf den ewigen scharfkantigen Gegenstand fällt, der immer herumstehen muss, damit auch die harmlosesten Zeitgenossen als Täter präsentiert werden können.

 

Sander: Und all diese schönen Dinge kann man bei Ihnen nicht lesen?

 

Morsbach: Auf gar keinen Fall; darauf kann man verzichten, wenn man eine wirklich gute Geschichte hat.

 

Sander: Herr Morsbach, ich danke Ihnen für dieses Gespräch­.